Mein erster behinderter Welli

Karluschka
Es war im Jahre anno 1977, lang lang ist’s her. Etwa ein halbes Jahr früher hatte ich meine ersten beiden Wellis bekommen und war soo-oo begeistert davon. Also kurz, der Virus hatte mich total befallen. Wann irgend ich konnte, war ich in der Tierhandlung. Es war ja so schön vor der Voli mit den vielen Wellis zu stehen. Damals konnte ich noch laufen und stehen. Heut tut’s der Rollstuhl. Eines Tages fiel mir dort ein kleiner Kerl besonders auf, er wirkte irgendwie anders, irgendwie komisch, nicht so wie ein Welli. Aber ich hab mich sooo verliebt in ihn, dass mir die Augen wie geblendet waren und ich seine Mängel nicht erkannte. Die Tierhandlungsinhaberin, konnte wohl Gedanken lesen. „Wer ist denn der Auserkorene? Ist es etwa der kleine Schwanzlose?“ Da erst fiel es mir auf. Und sofort bekam ich seine Geschichte erzählt. Er war ein Renner von der schlimmsten Sorte. Der Züchter wollte ihn töten und sie hat ihn ihm abgebettelt und ihn vorm Tode bewahrt. Schnucki hatte nicht nur keinen Schwanz, der war nicht mal im Ansatz vorhanden, er hatte auch keine Flügel. Da wo andere Vögel Flügel haben, hatte er ein paar ganz erbärmliche Fransen, die eher schrumpeligen Herbstblättern, aber nicht Federn glichen. Abgeben dürfe sie den Kleinen nicht, erklärte sie sehr ernst. Aber wenn man einmal soooo verliebt ist, erreicht man alles. Ich hab ihr den Kleinen losgeeist. Als ich ihn dann hatte, meinte ich natürlich, ich könne ihn unmöglich zu den beiden anderen setzen, er müsse selbstverständlich alleine bleiben. Damalige Denkweise! Dass er aber dort in der großen Gesellschaft gelebt hat, bedachte ich nicht, er sollte alleine bleiben. Aber am nächsten Morgen, es war Samstag, merkte ich, dass das wirklich nicht ging. Es war sehr ernst. Entweder musste ich ihn sofort zurückbringen, oder ihm sofort einen Partner besorgen. Aber wirklich sofort, so schlimm sah Schnucki aus. Mein Virus entschied das blitzartig. Der Partner musste her und zwar schnell. So schnell war ich noch nie in den Klamotten und aus dem Haus. Damals machten die Läden mittags zu und ich hatte lange geschlafen.
Aber Schnucki bekam eine wundervolle Partnerin und die beiden hatten sich gesucht und gefunden. So eine Liebe und Zärtlichkeit ließ einfach kein Auge trocken.
Damals hieß es, die Tiere müssen mindestens 3 Wochen im Haus bleiben, ehe sie fliegen dürfen. Daran hab ich mich nie so ganz gehalten, aber immerhin ließ ich sie etwas drin. Was die Kleinen in der Zeit taten, war nur intensiv in einer Ecke im Sand scharren. Es war, als wollten sie einen Ausgang scharren. Sie waren immer in derselben Ecke und Tag für Tag von Morgens bis Abends nur damit beschäftigt. Außer Fressen und schlafen taten sie nichts anderes. Es war Schwerstarbeit, was sie taten, aber die Liebe kam dennoch nicht zu kurz. Jedenfalls die Art, in der die beiden arbeiteten drückte kein Unwohlsein aus, sondern eher Lebensgeist. Es war ulkig anzusehen. Sie scharrten nebeneinander, übereinander Hauptsache es wurde gescharrt. Als sie nach einigen Tagen die Arbeit einstellten, gab es nur Liebe, es war zu schön.
Doch dann kam der Tag des ersten Freifluges. Ich stellte den Käfig auf den Boden, denn ich hatte Angst, dass Schnucki sich verletzen könne, wenn er runterfiele. Die andern beiden Vögel waren schon draußen, saßen auf dem Schrank, fetzelten Tapete und gaben großes Konzert. Dann hatte Nicki die Tür entdeckt und flog sofort nach oben. Schnucki kam raus und versuchte es auch. Der Instinkt zum Fliegen war da und er begriff nicht, dass man dazu Flügel braucht und dass er sie halt nicht hatte. Er klettert immer wieder neu auf seinen Käfig, machte Versuche und fiel auf den Teppich. Dann saß er einfach da und gab so flehende Laute, den Blick nach oben gerichtet. So richtig mit der Bitte: „Holt mich doch rauf!“ Sie konnten es nicht und ich auch nicht. Wenn ich ihn rauf gesetzt hätte, und er von 2 Meter runter gefallen wäre, hätt ich ihn begraben müssen. Seine flehen Rufe darauf und die verzweifelten, unermüdlichen Versuche, das tat mir im Herzen solo weh. Ich wollte irgendwie helfen, aber wie? Dann hab ich vom letzten Geld in der Tierhandlung ein Klettergerüst für Wallis gekauft und es auf den Käfig gestellt, wenn ich diesen runter setzte zum Freiflug. Nun, Schnucki war nur um etwa 30 cm. höher als sonst. Was sollte es ihm schon groß helfen? Aber ich hatte was getan. Und was dann geschah, ist schier unglaublich und unfassbar. Das Klettergerüst hatte eine solche Anziehungskraft, dass die ganze Bande vom Schrank runter kam zu Schnucki aufs Klettergerüst. Nun wurde der große Vogelkonvent unten auf dem Klettergerüst mit Schnucki zusammen abgehalten. Er war glücklich. Unglaublich, aber wahr.
Als ich dann in eine größere Wohnung zog, kaufte ich mir eine Korbtruhe, etwa einen Meter lang. Etwas 70 cm hoch und tief. Weil Platz genug da war und ich es so toll fand, stellte ich diese Truhe mittig in den Raum, ein dekoratives Deckchen drauf und schön war’s. Zur Flugstunde stellte ich dann Schnuckis Käfig darauf, das Klettergerüst darüber. So war er nun wieder ein Stück höher. Diese Truhe, die machte den Kerl glücklich, ganz glücklich. So mit Deckchen runter zerren, an der Truhe rauf und runter, rundherum und kreuz und quer zu klettern. An dem Korbgeflecht knabbern nach Herzenslust. Es war eine Pracht, den kleinen Mops da zu beobachten. Ich hab’s genossen. Der Kauf hatte sich gelohnt! So konnten die anderen ruhig mal wieder zum Vogelkonvent auf die Lampe fliegen, Schnucki war dennoch glücklich. Er war ja auch nicht ausgeschlossen, denn die anderen kamen immer wieder zu ihm, denn die Truhe war halt auch für die anderen ein Anziehungspunkt.
Was nun mit Schnucki weiter passierte, ist eine ganz wahre Geschichte, einmalig in ihrer Art – nie wieder erlebt – leider!
Im Sommer1978 besuchte mich ein junger Bursche, grade 18 Lenze, aus der christlichen Gemeinde, zu der ich gehöre. Er kam zum ersten Mal, bewunderte meine Vogelwelt und sah dann Schnucki. Der arme Kerl, das konnte er nicht fassen. Ich sah Schnucki eigentlich nicht mehr als den armen Kerl, denn ich erlebte ihn ganz glücklich, auf seiner Truhe, in die Gemeinschaft der Gesunden total integriert. Aber Christian sah ihn anders. Sagte: „Du, sollen wir nicht dafür beten, dass Schnucki Flügel kriegt und fliegen kann? Gott kann doch das!“ Gesagt, getan, wir beteten für ihn. Zunächst passierte gar nichts. Doch nach einigen Wochen merkte ich, dass Schnucki auffallend dünner wurde. Manometer, sollten den die Sorgen gar nicht aufhören? Doch als ich mir den kleinen Kerl näher ansah, bemerkte ich dass er in Wahrheit nicht dünner geworden war, sondern dass sich sein Hinterteil immer mehr streckte. Dahinten wuchs ein richtiger Blumenstrauß von kleinen Federchen. Und dann sah ich, dass auch auf seinem Rücken was passierte. Es sah ganz so aus, als ob......! Und es war so: Weihnachten überraschte mich Schnucki mit komplett ausgewachsenen Flügeln und einem richtigen Schwanz. Silvester startete er zu seinem ersten Flug und drehte begeisterte Runden, schier ohne Ende. Er genoss es sichtlich. Nun konnte er mit auf der Lampe sitzen. Es war herrlich!
Nur wie gesagt, leider war das Erlebnis einmalig, den anderen behinderten Vögeln erging es nicht so. aber wir haben es dankbar genossen. Und Schnucki hatte noch etliche sehr schöne Jahre.
Rambo+Betti
Oh *seuftz*- wie schön *schluchz*, wie lieb du gewesen bsit zu ihm und wie toll er es dank dir hatte- eine tolle geschichte!
Cookie
Wow, eine wundervolle Geschichte!!
Geieroma
Welch Glück der kleine Kerl hatte, das du dich so in ihn verliebt hast!!! vielglueck
Und soooooooooooooooooooo ein schönes Ende!!! hurra hurra hurra
gita
Hallo Karla,
Was für eine Rührende Geschichte ja und so ein gutes Ende. hurra
trompetenkäfer
Wow, die geschichte ist ja unglaublich! Und es ist wirklich so passiert? Dann hab ich ja auch noch Hoffnung, daß mein Nichtflieger noch mal irgendwann fliegen wird.
Karluschka
Hallöle lieber Trompetenkäfer
Es ist wirklich wahr, dass Schnucki Flügel bekommen hat und fleigen konnte. Ich habe zwar nie wieder in Bezug auf Vögel sowas erlebt. aber ich habe erlebt : Gott erhört Gebet, wenn es ernstlich ist! Und großartige Heilung habe ich 2x an mir selber erlebt. Gott steht zu seinen Kindern. er steht auch jetzt noch zu mir, obwohl Er rmich nicht von meiner MS geheilt hat. Aber dass ich trotz Alter und trotz Krankheit noch hier im Forum sein kann, schreiben kann und so, dass betracht ich als großes Geschenk. Schau mal, meine Hände haben nicht mehr das richtige Gefühl und die Koordination fehlt. Und dennoch kann ich noch schreiben. Das alleine betrachte ich auch schon als Wunder
Noch einmal: Gott erhört Gebet! Deshalb bete nur für Deinen Kleinen, dass er fliegen lernt. Wenn Du möchtest, bete ich mit dafür.
Liebe Grüße Karla